Conformité

AI Act: Die 4 Risikoklassen erklärt

Unzulässig, hohes Risiko, begrenztes Risiko, minimales Risiko: die 4 Stufen des AI Act mit Beispielen und Pflichten pro Stufe.

10 avril 20264 min de lectureWarDek Team

AI Act: Die 4 Risikoklassen der europäischen KI-Verordnung

Der AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) ist das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung künstlicher Intelligenz. Sein Kernprinzip: Je höher das Risiko eines KI-Systems, desto strenger die Anforderungen. Dieser Leitfaden erklärt die vier Risikoklassen mit konkreten Beispielen.

Das Risikomodell im Überblick

┌─────────────────────────────────┐
│     UNZULÄSSIGES RISIKO         │  ← VERBOTEN
│     Art. 5 AI Act               │
├─────────────────────────────────┤
│     HOHES RISIKO                │  ← Strenge Anforderungen
│     Art. 6-49 AI Act            │
├─────────────────────────────────┤
│     BEGRENZTES RISIKO           │  ← Transparenzpflichten
│     Art. 50 AI Act              │
├─────────────────────────────────┤
│     MINIMALES RISIKO            │  ← Freiwillige Verhaltenskodizes
│     Keine spezifischen Pflichten│
└─────────────────────────────────┘

Stufe 1: Unzulässiges Risiko (Verboten)

KI-Systeme, die als inakzeptable Bedrohung für die Grundrechte eingestuft werden, sind in der EU verboten.

Verbotene Praktiken

VerbotErläuterung
Soziales Scoring durch BehördenBewertung von Personen auf Basis ihres Sozialverhaltens mit nachteiligen Folgen
Kognitive ManipulationUnterschwellige Techniken, die das Verhalten einer Person verzerren und Schaden verursachen
Ausnutzung von SchwächenKI, die Alter, Behinderung oder soziale Lage gezielt ausnutzt
Biometrische EchtzeitüberwachungIn öffentlich zugänglichen Räumen (mit eng definierten Ausnahmen für Strafverfolgung)
Emotionserkennung am Arbeitsplatz/BildungKI, die Emotionen von Mitarbeitern oder Schülern analysiert
Biometrische KategorisierungAbleitung sensibler Merkmale (Rasse, Religion, sexuelle Orientierung) aus biometrischen Daten

Ausnahmen bei biometrischer Überwachung

Nur für Strafverfolgung, nur mit richterlicher Genehmigung, nur bei:

  • Suche nach Opfern von Entführung/Menschenhandel
  • Abwehr einer konkreten terroristischen Bedrohung
  • Identifizierung von Verdächtigen schwerer Straftaten

Für Unternehmen: Wenn Ihr KI-System unter diese Kategorie fällt, darf es in der EU nicht angeboten, eingesetzt oder in Verkehr gebracht werden.

Stufe 2: Hohes Risiko

KI-Systeme, die in sicherheitskritischen Produkten oder grundrechtsrelevanten Bereichen eingesetzt werden, unterliegen strengen Anforderungen.

Zwei Wege zum Hochrisiko

Weg 1: Sicherheitskomponente eines regulierten Produkts (Anhang I)

SektorBeispiele
MedizinprodukteKI-gestützte Diagnose, Bildanalyse
KraftfahrzeugeAutonome Fahrfunktionen
LuftfahrtKI in Flugsteuerungssystemen
SpielzeugKI-basierte Interaktion mit Kindern
Aufzüge, DruckgeräteKI in Sicherheitssteuerungen

Weg 2: Eigenständige KI in kritischen Bereichen (Anhang III)

BereichBeispiele
BiometrieFernidentifizierung (nicht Echtzeit), biometrische Kategorisierung
Kritische InfrastrukturKI-Steuerung von Strom-, Gas-, Wasserversorgung
Bildung/BerufsausbildungPrüfungsbewertung, Zulassungsentscheidungen
BeschäftigungKI-Screening von Bewerbungen, Leistungsbewertung
Öffentliche DiensteSozialleistungsbewertung, Kreditwürdigkeitsprüfung
StrafverfolgungRisikobewertung von Verdächtigen, Lügenerkennung
Migration/GrenzschutzRisikoanalyse bei Einreise
JustizKI-Unterstützung bei Gerichtsurteilen

Pflichten für Hochrisiko-KI

PflichtDetails
RisikomanagementsystemLebenszyklus-begleitend, iterativ
Daten-GovernanceQualitätskontrolle der Trainings-/Testdaten
Technische DokumentationVor Inverkehrbringen, laufend aktualisiert
AufzeichnungspflichtenAutomatische Protokollierung (Logging)
TransparenzGebrauchsanweisung für Nutzer
Menschliche AufsichtMensch muss eingreifen können (Human-in-the-Loop)
Genauigkeit und RobustheitGegen Bias, Fehler und adversariale Angriffe
CybersicherheitAngemessener Schutz des KI-Systems
KonformitätsbewertungVor Inverkehrbringen
EU-Datenbank-RegistrierungPflichtregistrierung
CE-KennzeichnungNach bestandener Konformitätsbewertung

Stufe 3: Begrenztes Risiko (Transparenzpflichten)

KI-Systeme, die mit Menschen interagieren oder Inhalte generieren, müssen Transparenzpflichten nach Artikel 50 erfüllen.

Betroffene Systeme und Pflichten

SystemPflicht
ChatbotsNutzer müssen wissen, dass sie mit einer KI interagieren
Deepfakes (Bild, Audio, Video)Kennzeichnungspflicht des KI-generierten Inhalts
KI-generierte Texte zu Themen öffentlichen InteressesKennzeichnung als maschinell erstellt
Emotionserkennung (außerhalb verbotener Bereiche)Information des Betroffenen
Biometrische Kategorisierung (nicht verboten)Information des Betroffenen

Praxisbeispiele

  • Ein Kundensupport-Chatbot muss am Anfang der Konversation klarstellen: „Sie sprechen mit einem KI-Assistenten"
  • Ein KI-Bildgenerator muss Bilder mit maschinenlesbaren Metadaten versehen
  • Ein KI-Text-Tool für Nachrichtenartikel muss den Einsatz offenlegen

Stufe 4: Minimales Risiko

Die große Mehrheit der KI-Systeme fällt in diese Kategorie und unterliegt keinen spezifischen regulatorischen Pflichten.

Beispiele

  • Spamfilter
  • KI in Videospielen
  • Bestandsmanagement im Lager
  • Empfehlungsalgorithmen (ohne Profiling-Aspekt)
  • Übersetzungstools
  • Wettervorhersage-Modelle

Empfehlung: Auch für KI mit minimalem Risiko empfiehlt die EU freiwillige Verhaltenskodizes zur Förderung vertrauenswürdiger KI.

General-Purpose AI (GPAI) — Sonderregeln

Für General-Purpose AI wie GPT-4, Gemini oder Claude gelten eigene Regeln:

Alle GPAI-Anbieter

  • Technische Dokumentation
  • Informationen für nachgelagerte Anbieter
  • Urheberrecht: Einhaltung der EU Copyright-Richtlinie
  • Zusammenfassung der Trainingsdaten veröffentlichen

GPAI mit systemischem Risiko (> 10^25 FLOPs Training)

Zusätzlich:

  • Modellbewertung inkl. adversarialer Tests
  • Bewertung und Minderung systemischer Risiken
  • Meldepflicht bei schwerwiegenden Vorfällen
  • Angemessene Cybersicherheit

Zeitplan der Anwendbarkeit

DatumWas wird anwendbar
02.02.2025Verbote (unzulässiges Risiko), KI-Kompetenz
02.08.2025GPAI-Regeln, Governance
02.08.2026Alle übrigen Bestimmungen (Hochrisiko Anhang III)
02.08.2027Hochrisiko in regulierten Produkten (Anhang I)

So klassifizieren Sie Ihre KI-Systeme

  1. Inventar erstellen: Welche KI-Systeme nutzen oder entwickeln Sie?
  2. Zweck prüfen: Fällt das System unter ein Verbot (Art. 5)?
  3. Sektor prüfen: Gehört es zu einem regulierten Produkt (Anhang I) oder kritischen Bereich (Anhang III)?
  4. Interaktion prüfen: Interagiert es direkt mit Menschen oder generiert Inhalte?
  5. Dokumentieren: Ergebnis der Klassifizierung festhalten

Fazit

Der AI Act schafft klare Regeln für den Einsatz von KI in Europa. Für die meisten Unternehmen ist die Hauptaufgabe: KI-Systeme inventarisieren und korrekt klassifizieren. Die Transparenzpflichten für Chatbots und generative KI betreffen praktisch jedes Unternehmen, das moderne KI-Tools einsetzt.


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