KI-Audit: 20-Punkte-Checkliste für AI-Act-Konformität
Der AI Act fordert von Anbietern und Betreibern von KI-Systemen ein strukturiertes Compliance-Management. Dieser Leitfaden gibt Ihnen eine praxistaugliche 20-Punkte-Checkliste, um Ihre KI-Systeme systematisch auf Konformität zu prüfen.
Phase 1: KI-Inventar erstellen (Punkte 1–5)
Bevor Sie prüfen können, müssen Sie wissen, was zu prüfen ist.
1. Vollständiges KI-Register
Erfassen Sie jedes KI-System in Ihrem Unternehmen:
| Feld | Beschreibung | |---|---| | Name/Bezeichnung | Interner Name und Produktname | | Anbieter | Hersteller/Entwickler | | Einsatzzweck | Wofür wird das System genutzt? | | Abteilung | Welche Abteilung nutzt es? | | Datenquellen | Welche Daten fließen ein? | | Entscheidungsrelevanz | Trifft das System Entscheidungen über Personen? | | Einführungsdatum | Seit wann im Einsatz? |
2. Rolle bestimmen: Provider oder Deployer
Pro KI-System festlegen:
- ☐ Provider: Sie entwickeln/vertreiben das KI-System
- ☐ Deployer: Sie setzen ein externes KI-System ein
- ☐ Beides: Sie passen ein externes System wesentlich an (dann ggf. Provider-Pflichten)
3. Risikoklasse zuordnen
- ☐ Fällt das System unter ein Verbot (Art. 5)?
- ☐ Ist es ein Hochrisiko-System (Anhang I oder III)?
- ☐ Unterliegt es Transparenzpflichten (Art. 50)?
- ☐ Minimales Risiko (keine spezifischen Pflichten)?
4. GPAI-Einordnung
- ☐ Nutzen Sie General-Purpose-AI-Modelle (ChatGPT, Gemini, Claude)?
- ☐ Haben Sie Zugang zur Dokumentation des GPAI-Anbieters?
- ☐ Verwenden Sie die GPAI innerhalb des bestimmungsgemäßen Gebrauchs?
5. Drittanbieter-Abhängigkeiten
- ☐ Welche KI-Dienste beziehen Sie von Dritten?
- ☐ Sind diese Anbieter EU-ansässig oder haben einen EU-Bevollmächtigten?
- ☐ Stellen die Anbieter die notwendige Dokumentation bereit?
Phase 2: Governance und Organisation (Punkte 6–10)
6. KI-Verantwortlicher benannt
- ☐ Eine Person oder Rolle ist für KI-Compliance verantwortlich
- ☐ Berichtsweg an die Geschäftsleitung definiert
- ☐ Budget für KI-Compliance vorhanden
7. KI-Richtlinie vorhanden
- ☐ Unternehmensweite KI-Nutzungsrichtlinie existiert
- ☐ Erlaubte und verbotene Nutzungen definiert
- ☐ Freigabeprozess für neue KI-Tools etabliert
- ☐ Regelmäßig aktualisiert (mindestens jährlich)
8. KI-Kompetenz (Art. 4)
- ☐ Schulungsprogramm existiert
- ☐ Alle relevanten Mitarbeiter geschult
- ☐ Schulungen dokumentiert (Teilnehmer, Datum, Inhalt)
- ☐ Regelmäßige Auffrischungen geplant
9. Menschliche Aufsicht
- ☐ Für Hochrisiko-KI: Qualifiziertes Aufsichtspersonal benannt
- ☐ Eskalationsprozesse definiert (wann greift ein Mensch ein?)
- ☐ Aufsichtspersonal versteht Funktionsweise und Grenzen des Systems
10. Incident-Management
- ☐ Meldeprozess für KI-Fehlfunktionen definiert
- ☐ Dokumentation von Vorfällen (Bias, Fehlentscheidungen, Ausfälle)
- ☐ Bei schwerwiegenden Vorfällen: Meldepflicht an Behörden bekannt
Phase 3: Technische Prüfung (Punkte 11–15)
11. Daten-Governance
- ☐ Trainingsdaten dokumentiert (bei Provider-Rolle)
- ☐ Eingabedaten-Qualität sichergestellt (bei Deployer-Rolle)
- ☐ Datenschutz-konform (DSGVO, DSFA bei Hochrisiko)
- ☐ Keine diskriminierenden Datensätze
12. Bias und Fairness
- ☐ Regelmäßige Bias-Prüfung durchgeführt
- ☐ Ergebnisse dokumentiert
- ☐ Maßnahmen bei erkanntem Bias definiert
- ☐ Diverse Testdaten verwendet
13. Robustheit und Cybersicherheit
- ☐ Adversariale Tests durchgeführt (bei Provider-Rolle)
- ☐ Zugriffsschutz auf KI-Systeme implementiert
- ☐ Logging und Monitoring aktiv
- ☐ Schutz gegen Manipulation der Eingabedaten
14. Genauigkeit und Leistung
- ☐ Leistungskennzahlen definiert und gemessen
- ☐ Akzeptable Fehlerquoten festgelegt
- ☐ Regelmäßige Leistungsüberprüfung
- ☐ Schwellenwerte für Alarm/Abschaltung definiert
15. Transparenz und Erklärbarkeit
- ☐ Für Nutzer: Verständliche Erklärung der KI-Funktionsweise
- ☐ Für Betroffene: Information über KI-gestützte Entscheidungen
- ☐ Für Chatbots: KI-Kennzeichnung implementiert
- ☐ Für generierte Inhalte: Kennzeichnung als KI-erstellt
Phase 4: Dokumentation und Compliance (Punkte 16–20)
16. Technische Dokumentation
Für Provider von Hochrisiko-KI:
| Dokument | Inhalt | |---|---| | Systembeschreibung | Zweck, Funktionsweise, Grenzen | | Risikomanagement | Identifizierte Risiken und Maßnahmen | | Daten-Dokumentation | Trainings-/Validierungsdaten, Qualitätskriterien | | Leistungskennzahlen | Genauigkeit, Fehlerquoten, Bias-Metriken | | Gebrauchsanweisung | Bestimmungsgemäße Verwendung, Einschränkungen |
17. Aufzeichnungspflichten
- ☐ Automatische Logs aktiv (bei Hochrisiko-KI)
- ☐ Aufbewahrungsfrist definiert (mindestens 6 Monate)
- ☐ Logs vor Manipulation geschützt
- ☐ Zugriff auf Logs geregelt
18. Konformitätsbewertung
Für Provider von Hochrisiko-KI:
- ☐ Selbstbewertung durchgeführt ODER
- ☐ Drittbewertung durch benannte Stelle
- ☐ Konformitätserklärung ausgestellt
- ☐ CE-Kennzeichnung angebracht
19. EU-Datenbank-Registrierung
- ☐ Hochrisiko-KI in der EU-Datenbank registriert (Provider-Pflicht)
- ☐ Deployer: Eigene Registrierung als Betreiber (bei bestimmten Hochrisiko-Systemen)
20. Kontinuierliche Verbesserung
- ☐ Jährlicher Audit-Zyklus geplant
- ☐ Änderungsmanagement für KI-Systeme definiert
- ☐ Regulatorische Entwicklungen überwacht
- ☐ Lessons Learned aus Vorfällen integriert
Audit-Bewertungsmatrix
| Punkte erreicht | Bewertung | Handlungsbedarf | |---|---|---| | 18–20 | Exzellent | Regelmäßiges Monitoring | | 14–17 | Gut | Gezielte Verbesserungen | | 10–13 | Ausreichend | Systematische Nachbesserung | | 6–9 | Mangelhaft | Dringender Handlungsbedarf | | < 6 | Kritisch | Sofortprogramm erforderlich |
Priorisierung nach Risiko
Nicht jeder Punkt hat die gleiche Dringlichkeit:
Sofort (Pflicht seit 02/2025)
- KI-Inventar (Punkt 1)
- Risikoklassifizierung (Punkt 3)
- KI-Kompetenz-Schulungen (Punkt 8)
- Verbotene Systeme identifizieren und abstellen (Punkt 3)
Bis August 2026
- Alle Governance-Punkte (6–10)
- Technische Prüfung für Hochrisiko (11–15)
- Transparenzpflichten umsetzen (15)
Laufend
- Monitoring und Dokumentation (16–20)
- Jährliche Audits
Werkzeuge und Ressourcen
| Ressource | Nutzen | |---|---| | ALTAI (Assessment List for Trustworthy AI) | Fragebogen der EU-Kommission für Selbstbewertung | | BSI AIC4 | Prüfkatalog für KI-Systeme des BSI | | ISO/IEC 42001 | Managementsystem für KI (zertifizierbar) | | NIST AI RMF | Risikomanagement-Framework (US, ergänzend) |
Fazit
Ein KI-Audit nach dem AI Act ist keine einmalige Aufgabe, sondern ein fortlaufender Prozess. Beginnen Sie mit dem Inventar und der Risikoklassifizierung — das verschafft Ihnen Überblick und Handlungsfähigkeit. Die 20 Punkte dieser Checkliste bieten eine strukturierte Grundlage für Ihre KI-Compliance.
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